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Kritischen Pfad ermitteln: Netzplan mit Rechenbeispiel

7. Oktober 2026
13 Min. Lesezeit
Kritischen Pfad ermitteln: Netzplan mit Rechenbeispiel

Montag, Baubesprechung in der Abfüllhalle. Der Rohbauer meldet, dass das Fundament für die neue Anlage sechs Tage länger braucht. Die Bewehrung muss nach der Prüfung nachgebessert werden. Die Werkleitung will nur eines wissen: Hält die Abnahme am 18. Dezember?

Die richtige Antwort lautet: Sie verschiebt sich um einen Tag. Nicht um sechs. Und ab sofort ist ein anderer Vorgang kritisch als vorher.

Diese Antwort kann nur geben, wer den Netzplan gerechnet hat. Wir rechnen genau dieses Projekt einmal vollständig durch: Vorwärtsrechnung, Rückwärtsrechnung, Gesamtpuffer, freier Puffer, kritischer Pfad. Mit einem Zeitabstand und einer Anfangsfolge, denn echte Pläne bestehen selten nur aus Normalfolgen. Danach geht es um das, was der kritische Pfad nicht zeigt.

Kritischer Pfad oder kritischer Weg?

Die DIN 69900:2009-01 (Netzplantechnik) spricht vom kritischen Weg. Gemeint ist der Weg durch den Netzplan, der für die Gesamtdauer des Projekts maßgebend ist. In einer Anmerkung heißt es, die Pufferzeiten auf diesem Weg seien die kleinsten im ganzen Netzplan, „im Normalfall sind sie gleich null“. „Kritischer Pfad“ kommt vom englischen „critical path“ und hat sich in Software und Alltag durchgesetzt. Hier meinen beide Wörter dasselbe.

Das Project Management Institute (PMI) definiert den critical path als „the longest path through a project, which determines the shortest possible duration“: der längste Pfad, der die kürzestmögliche Projektdauer festlegt.

Beide Definitionen führen zum selben Ergebnis, solange niemand einen Endtermin vorgibt. Die verbreitete Kurzregel „kritisch ist, was null Puffer hat“ stimmt nur in diesem Normalfall. Liegt ein vertraglicher Endtermin vor dem errechneten Ende, haben die Vorgänge auf dem kritischen Pfad negativen Puffer. Liegt er dahinter, haben sie positiven. Der PMI Practice Standard for Scheduling hält schon 2011 fest, dass der kritische Pfad in den meisten Projekten „no longer a zero float path“ ist. Am Ende des Beispiels sehen Sie, was das praktisch heißt.

Die Kurzformen in diesem Text: FAZ, FEZ, SAZ und SEZ für frühesten und spätesten Anfangs- und Endzeitpunkt, GP für den Gesamtpuffer, FP für den freien Puffer. In englischen Quellen heißen sie ES, EF, LS, LF, Total Float und Free Float. Vorsicht in zweisprachigen Teams: EF ist im Deutschen die Endfolge, im Englischen das Early Finish.

Das Beispiel: neue Abfüllanlage in einer Bestandshalle

Ein Getränkehersteller stellt eine neue Abfüllanlage in eine bestehende Halle. Die Anlage kommt vom Hersteller, Fundament und Medienanschlüsse baut das Werk mit eigenen Partnern. Zehn Vorgänge, Dauer in Tagen:

Nr.VorgangDauerVorgänger
ADetailplanung der Aufstellung10keiner
BAnlage fertigen und liefern (Hersteller)30keiner
CFundament herstellen8A
DMedien verlegen (Strom, Druckluft, Wasser)12A
ESteuerung (SPS) programmieren15A
FAnlage aufstellen5B; C mit 7 Tagen Zeitabstand
GAnlage anschließen4D, F
HInbetriebnahme mit Probelauf6E, G
ISchulung Bedienpersonal3H als Anfangsfolge, 2 Tage nach Beginn
JAbnahme2H, I

Zwei Beziehungen sind keine einfachen Normalfolgen. Zwischen Fundament und Aufstellung liegen sieben Tage, weil der Beton aushärten muss (Normalfolge mit Zeitabstand +7). Die Schulung beginnt zwei Tage nach dem Start der Inbetriebnahme, sobald die Anlage zum ersten Mal läuft (Anfangsfolge mit +2). Sie muss also nicht warten, bis der Probelauf durch ist.

Wie eine solche Liste entsteht, steht in unserem Beitrag Die Vorgangsliste: Das Rückgrat effizienter Projektplanung. Die Dauern kommen am besten aus einer Schätzung mit Spanne, siehe Effektive Aufwandsschätzung im Projektmanagement.

Vorher die Zählweise festlegen

An dieser Stelle scheitern viele Übungsaufgaben. Es gibt zwei Konventionen:

  • Zeitpunkt-Zählung: Das Projekt beginnt zum Zeitpunkt 0. Ein Vorgang mit 10 Tagen Dauer endet zum Zeitpunkt 10, sein Nachfolger beginnt ebenfalls zum Zeitpunkt 10. Gemeint ist: abends fertig, am nächsten Morgen geht es weiter. FEZ = FAZ + Dauer.
  • Tages-Zählung: Der erste Tag ist Tag 1. Der Vorgang belegt Tag 1 bis Tag 10, der Nachfolger beginnt an Tag 11. FEZ = FAZ + Dauer − 1, und der Nachfolger beginnt bei FEZ + 1.

Beide liefern dieselben Puffer, solange man bei einer bleibt. Der klassische Fehler ist die Mischung: FEZ = FAZ + Dauer und danach trotzdem +1 für den Nachfolger. Dann verliert jeder Übergang einen Tag, und das Projekt wird länger, als es ist.

Wir rechnen mit der Zeitpunkt-Zählung, weil die Formeln kürzer sind.

Schritt 1: Vorwärtsrechnung (FAZ und FEZ)

Die Vorwärtsrechnung beantwortet die Frage, wann jeder Vorgang frühestens anfangen und enden kann. Sie läuft vom Projektstart nach rechts. Vorgänge ohne Vorgänger beginnen bei 0. Hat ein Vorgang mehrere Vorgänger, gilt der späteste Wert, denn er muss auf alle warten.

  • A: FAZ 0, FEZ 0 + 10 = 10
  • B: FAZ 0, FEZ 30
  • C, D und E hängen nur an A: FAZ 10, FEZ 18, 22 und 25
  • F hat zwei Vorgänger. B liefert 30, C liefert 18 + 7 Tage Aushärten = 25. Das Maximum zählt: FAZ 30, FEZ 35
  • G: Maximum aus D (22) und F (35) = 35, FEZ 39
  • H: Maximum aus E (25) und G (39) = 39, FEZ 45
  • I hängt als Anfangsfolge an H: FAZ von H plus 2 = 41, FEZ 44
  • J: Maximum aus H (45) und I (44) = 45, FEZ 47

Das Projekt dauert 47 Tage. Welche Vorgänge Spielraum haben, weiß man danach noch nicht. Das zeigt erst der Rückweg.

Schritt 2: Rückwärtsrechnung (SAZ und SEZ)

Die Rückwärtsrechnung beginnt am Projektende und läuft nach links. Ohne vorgegebenen Endtermin setzt man das späteste Ende des letzten Vorgangs gleich seinem frühesten: SEZ von J = 47. Hat ein Vorgang mehrere Nachfolger, gilt jetzt der kleinste Wert, denn er darf keinen von ihnen aufhalten.

  • J: SEZ 47, SAZ 47 − 2 = 45
  • I muss vor J fertig sein: SEZ 45, SAZ 42
  • H hat zwei Nachfolger. Über J darf H spätestens bei 45 enden. Über die Anfangsfolge zu I muss H spätestens 2 Tage vor dem SAZ von I beginnen, also bei 40, und wäre dann bei 46 fertig. Der kleinere Wert gewinnt: SEZ 45, SAZ 39
  • G: SEZ 39, SAZ 35
  • F: SEZ 35, SAZ 30
  • E muss vor H fertig sein: SEZ 39, SAZ 24
  • D muss vor G fertig sein: SEZ 35, SAZ 23
  • C muss 7 Tage vor dem SAZ von F fertig sein: SEZ 30 − 7 = 23, SAZ 15
  • B: SEZ 30, SAZ 0
  • A hat drei Nachfolger mit SAZ 15, 23 und 24. Das Minimum ist 15: SEZ 15, SAZ 5

Schritt 3: Gesamtpuffer und freier Puffer

Der Gesamtpuffer ist der Abstand zwischen frühester und spätester Lage: GP = SAZ − FAZ (oder SEZ − FEZ, das Ergebnis ist gleich). Er sagt, um wie viele Tage sich ein Vorgang verschieben darf, ohne das Projektende zu verschieben.

Der freie Puffer ist enger gefasst. Er sagt, um wie viele Tage sich ein Vorgang verschieben darf, ohne dass irgendein Nachfolger seine früheste Lage verliert. Bei Normalfolge gilt FP = FAZ des Nachfolgers − Zeitabstand − FEZ, bei mehreren Nachfolgern das Minimum.

Nr.VorgangDauerFAZFEZSAZSEZGPFP
ADetailplanung1001051550
BAnlage fertigen und liefern3003003000
CFundament81018152355
DMedien12102223351313
ESPS15102524391414
FAufstellen53035303500
GAnschließen43539353900
HInbetriebnahme63945394500
ISchulung34144424511
JAbnahme24547454700

Netzplan mit zehn Vorgängen einer Anlagenaufstellung, kritischer Pfad B, F, G, H, J rot markiert, 47 Tage

Netzplan zum Beispiel als Vorgangsknotennetz. Oben im Knoten FAZ, Dauer, FEZ, unten SAZ, GP | FP, SEZ. Der kritische Pfad ist rot.

Drei Zeilen lohnen einen zweiten Blick.

Die Detailplanung A hat 5 Tage Gesamtpuffer, aber keinen freien Puffer. Jeder Tag, den die Planung länger braucht, schiebt Fundament, Medien und Steuerung nach hinten. Das Projektende bleibt vorerst stehen, weil das Fundament selbst 5 Tage Luft hat. Es ist aber dieselbe Luft. A und C teilen sich einen Puffer, und wer ihn zuerst verbraucht, nimmt ihn dem anderen weg.

Die Steuerung E hat 14 Tage Puffer. Das ist beruhigend, solange niemand aus dem Team gleichzeitig für die Medien eingeplant ist. Dazu weiter unten mehr.

Die Schulung I hat einen Tag Puffer. Ein Tag ist schnell weg.

Wer lieber in der Tages-Zählung oder mit Kalenderdaten arbeitet: Jeder Vorgang beginnt dort einen Tag nach seinem FAZ. Die Aufstellung F belegt also Tag 31 bis Tag 35. Bei Projektstart am Montag, 2. November 2026, sind das der 2. bis 6. Dezember, und die Abnahme endet am 18. Dezember.

Schritt 4: den kritischen Pfad ablesen

Kritisch sind die Vorgänge mit dem kleinsten Gesamtpuffer, hier 0: B, F, G, H und J. Verbunden ergeben sie den kritischen Pfad B → F → G → H → J mit 30 + 5 + 4 + 6 + 2 = 47 Tagen.

Das ist das eigentlich Interessante am Beispiel. In der Halle schauen alle auf Fundament und Medien, weil dort Bagger und Elektriker zu sehen sind. Das Projektende bestimmt aber die Lieferzeit des Herstellers. Drei Tage Verzug in dessen Werk kosten drei Tage bei der Abnahme. Drei Tage Verzug beim Fundament kosten nichts. Wer den Liefertermin nur einmal im Monat abfragt, steuert den falschen Vorgang.

Die Rechenregeln für alle vier Anordnungsbeziehungen

Im Beispiel kommen Normalfolge und Anfangsfolge vor. Die DIN 69900 kennt vier Anordnungsbeziehungen, jede mit einem Zeitabstand Z, der positiv, null oder negativ sein darf. Ein negativer Zeitabstand bedeutet Überlappung: Bei NF −2 darf der Nachfolger zwei Tage vor dem Ende des Vorgängers beginnen.

Für einen Vorgänger i und einen Nachfolger j gilt in Zeitpunkt-Zählung:

BeziehungverbindetVorwärts: Grenze für jRückwärts: Grenze für iFreier Puffer von i
Normalfolge (NF, EA, engl. FS)Ende i mit Anfang jFAZ j ≥ FEZ i + ZSEZ i ≤ SAZ j − ZFAZ j − Z − FEZ i
Anfangsfolge (AF, AA, engl. SS)Anfang i mit Anfang jFAZ j ≥ FAZ i + ZSAZ i ≤ SAZ j − ZFAZ j − Z − FAZ i
Endfolge (EF, EE, engl. FF)Ende i mit Ende jFEZ j ≥ FEZ i + ZSEZ i ≤ SEZ j − ZFEZ j − Z − FEZ i
Sprungfolge (SF, AE, engl. SF)Anfang i mit Ende jFEZ j ≥ FAZ i + ZSAZ i ≤ SEZ j − ZFEZ j − Z − FAZ i

Vorwärts zählt über alle Vorgänger das Maximum, rückwärts über alle Nachfolger das Minimum, beim freien Puffer ebenfalls das Minimum. Liefert die Tabelle eine Grenze für das Ende, ergibt sich der Anfang über die Dauer und umgekehrt. Genau das ist bei H passiert: Die Anfangsfolge zu I begrenzt den spätesten Anfang von H, das späteste Ende folgt daraus.

Die Formeln für den freien Puffer ohne Zeitabstand stehen so in der Formel- und Begriffssammlung von projektmanagementhandbuch.de zur IPMA-Zertifizierung, die Normalfolge mit Zeitabstand unter anderem in Unterlagen nach dem GPM-Kompendium (PM3, Kapitel 1.11).

Maximalabstände („spätestens drei Tage nach …“) lassen sich mit diesen Regeln nicht in einem Durchgang rechnen. Sie wirken wie eine rückwärts gerichtete Beziehung, das Netz bekommt Schleifen, und die Rechnung muss wiederholt werden, bis sich nichts mehr ändert. In der Praxis sind sie selten.

Zurück in die Baubesprechung: Der kritische Pfad wandert

Jetzt zur Frage vom Anfang. Das Fundament braucht 14 statt 8 Tage.

Der Puffer von C beträgt 5 Tage. Sechs Tage Verzug verbrauchen ihn und einen Tag mehr. Die Aufstellung F kann erst bei 10 + 14 + 7 = 31 beginnen statt bei 30, und alles dahinter rutscht um einen Tag. Das Projekt dauert 48 Tage, die Abnahme endet am 19. Dezember.

Wichtiger als der eine Tag: Der kritische Pfad hat sich verlagert. Er läuft jetzt A → C → F → G → H → J. Die Lieferung der Anlage, eben noch der Taktgeber, hat plötzlich einen Tag Puffer. Detailplanung und Fundament haben keinen mehr. Wer nach der Besprechung weiter nur beim Hersteller nachfragt, übersieht, dass jeder weitere Tag am Fundament jetzt direkt auf die Abnahme durchschlägt.

Microsoft beschreibt das in der Hilfe zu Project ganz nüchtern: Verrutscht eine nicht kritische Kette weit genug, wird sie zum kritischen Pfad. Der kritische Pfad ist eine Momentaufnahme. Er muss nach jeder Terminänderung neu gerechnet werden.

Wenn der Endtermin feststeht: negativer Puffer

Bisher hat die Rückwärtsrechnung beim errechneten Ende angefangen. In Anlagenbau und Bau steht der Endtermin oft im Vertrag. Angenommen, die Abnahme muss am Morgen von Tag 44 beginnen (Zeitpunkt 43), zwei Tage früher als errechnet.

Die Rückwärtsrechnung startet dann am festen Termin. B, F, G und H haben jetzt einen Gesamtpuffer von −2, die Schulung I hat −1. Die DIN 69900 sieht negative Puffer ausdrücklich vor: Sie zeigen, dass der Vorrat den geplanten Verbrauch nicht deckt. Übersetzt heißt das, mit diesem Plan ist der Termin nicht zu halten, es fehlen zwei Tage.

Hier zeigt sich, warum die Kurzregel „kritisch heißt Puffer null“ nicht reicht. Auf dem kritischen Pfad hat jetzt kein Vorgang Puffer null, nur die fest terminierte Abnahme selbst. Kritisch sind die Vorgänge mit dem kleinsten Puffer, und das ist eine negative Zahl. Die Schulung mit −1 ist ebenfalls zu spät, obwohl sie nicht auf dem längsten Pfad liegt.

Was der Netzplan nicht sieht

Ressourcen. Der Netzplan rechnet nur mit der Logik der Abhängigkeiten. Dass Medien D und Steuerung E parallel laufen dürfen, heißt nicht, dass sie parallel laufen können. Arbeitet derselbe Elektrobetrieb an beidem, liegen die Vorgänge in Wahrheit hintereinander, und die Reihenfolge entscheidet. Erst die Medien, dann die Steuerung: E endet bei 37, zwei Tage vor seinem spätesten Ende, das Projekt hält. Umgekehrt endet D bei 37 statt spätestens bei 35, und die Abnahme rutscht um zwei Tage. Im PMI Practice Standard heißt das Ergebnis eines solchen Abgleichs „resource constrained critical path“.

Kalender. Wochenenden, Werksferien, Betriebsruhe zwischen den Jahren. Im Beispiel zählen wir durchgehende Tage. Wer in Arbeitstagen rechnet, bekommt dieselben Puffer in Arbeitstagen, aber andere Kalenderdaten. Schwierig wird es, wenn Vorgänge unterschiedliche Kalender haben, etwa Montage im Zweischichtbetrieb und Planung nur werktags. Dann sind Puffer zwischen den Vorgängen nicht mehr direkt vergleichbar. Primavera P6 hat deshalb neben „Gesamtpuffer kleiner oder gleich null“ eine eigene Einstellung „Longest Path“.

Beinahe kritische Pfade. Die Schulung mit einem Tag Puffer ist praktisch kritisch. Eine genormte Schwelle gibt es nicht. Die AACE International nennt in ihrer Empfehlung 49R-06 als Beispiel einen Puffer unter 5 Prozent der Restdauer und betont, dass es keinen festen Wert gibt. Legen Sie für Ihr Projekt eine Schwelle fest und berichten Sie alles darunter mit.

Mehrere kritische Pfade. Sind zwei Ketten gleich lang, gibt es zwei kritische Pfade. Das ist kein Rechenfehler. Es heißt nur, dass das Projekt an zwei Stellen gleichzeitig verwundbar ist.

Critical Chain. Die Methode von Eliyahu M. Goldratt (Roman „Critical Chain“, 1997) setzt bei den Ressourcen an. Die kritische Kette ist der längste Weg nach dem Ressourcenabgleich. Die Puffer werden aus den einzelnen Vorgängen herausgenommen und gebündelt: ein Projektpuffer am Ende und Zuführungspuffer dort, wo Nebenketten auf die kritische Kette treffen. Auch wer mit Critical Chain arbeitet, rechnet zuerst einen Netzplan.

Wem gehört der Puffer?

Im Beispiel teilen sich Detailplanung und Fundament fünf Tage Puffer. Was, wenn die Planung vom Werk kommt und das Fundament von einem Bauunternehmen? Dann ist der Puffer eine Vertragsfrage, und die Antworten gehen auseinander.

International gilt meist: Puffer im Netzplan ist gemeinsames Gut, wenn der Vertrag nichts anderes sagt. So steht es in der AACE-Empfehlung 29R-03 zur forensischen Terminanalyse. Das britische SCL Delay and Disruption Protocol gewährt bei Verzug, den der Auftraggeber verursacht, eine Fristverlängerung erst dann, wenn der verbleibende Puffer aufgebraucht ist. Wer ihn zuerst verbraucht, hat ihn.

In der deutschen Baupraxis nach VOB/B sieht das anders aus. Das OLG Düsseldorf hat mit Urteil vom 20. Juli 2011 (VI-U (Kart) 11/11) entschieden, dass Zeitpuffer im Bauzeitenplan zunächst dem Auftragnehmer zustehen. Er darf sie für eigene Verzögerungen aufbrauchen und muss sie nicht für Behinderungen hergeben, die er nicht zu vertreten hat.

Daraus folgt zweierlei. Regeln Sie im Vertrag, wem der Puffer gehört. Und gehen Sie im Projekt nicht davon aus, dass ein Vorgang „seinen“ Puffer hat. Der Gesamtpuffer gehört einer Kette, nicht einem Vorgang. Im Streitfall gehört die Frage zu einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht.

Kritischen Pfad ermitteln mit WORKSPACE.PM

Von Hand lohnt die Rechnung genau einmal, zum Verstehen. Danach gehört sie in die Software, weil sie nach jeder Änderung wieder fällig ist.

Wir haben das Beispiel mit der Netzplan-Rechnung von WORKSPACE.PM nachgerechnet. Alle FAZ, FEZ, SAZ und SEZ, alle Gesamt- und freien Puffer stimmen mit der Handrechnung überein, auch in der Variante mit festem Abnahmetermin.

Was WORKSPACE.PM dabei rechnet und zeigt:

  • Alle vier Anordnungsbeziehungen mit positivem oder negativem Zeitabstand in Tagen. Beziehungen, die an einer Phase hängen, werden auf deren Vorgänge heruntergerechnet.
  • Eine eigene Netzplanansicht als Vorgangsknotennetz. Jeder Knoten zeigt FAZ, FEZ, SAZ, SEZ, Gesamtpuffer und freien Puffer, der kritische Pfad lässt sich einblenden. Fährt man mit der Maus über einen Wert, erklärt ein Satz mit Datum, was er für diesen Vorgang bedeutet.
  • Im Gantt blendet das Menü „Darstellung“ den kritischen Pfad ein und auf Wunsch den Korridor zwischen frühester und spätester Lage direkt am Balken.
  • Auto-Terminierung vorwärts (alles so früh wie möglich) oder rückwärts (alles so spät wie möglich bei gleichem Projektende). Vor dem Übernehmen zeigt eine Vorschau, welcher Vorgang sich um wie viele Tage verschiebt.
  • Fixtermine. Ein Vorgang mit Fixtermin bewegt sich bei keiner Terminierung. Vorgänger, die nicht mehr davor passen, bekommen negativen Puffer und gelten als kritisch. Die Auto-Terminierung nennt jede Beziehung, die sich deshalb nicht einhalten lässt, mit der Zahl der fehlenden Tage.
  • Zirkelbezüge erkennt WORKSPACE.PM und terminiert dann gar nicht, statt den halben Plan zu verschieben.
  • Basispläne halten den Stand fest, an dem sich der Plan später messen lassen muss.
  • Import aus MS Project als XML (MSPDI) mit Anordnungsbeziehungen und Zeitabständen. Die Einschränkungen „Muss anfangen am“ und „Muss enden am“ werden zu Fixterminen. Binäre .mpp-Dateien, Primavera XER und PMXML sowie Asta Powerproject werden beim Import umgewandelt. Wer von Project Online kommt, findet die Schritte unter Project-Online-Migration.

Die Bedienung im Einzelnen beschreiben die Hilfeartikel Wie lese ich kritischen Pfad und Puffer? und Wie setze ich Anordnungsbeziehungen?.

Vertragstermine und Engpässe in der Praxis

Zwei Situationen aus dem Beispiel bilden Sie so ab:

  • Vertraglicher Endtermin: Setzen Sie den Abnahme-Meilenstein als Fixtermin auf das vereinbarte Datum. Der Netzplan zeigt dann wie im Beispiel oben negativen Puffer an jedem Vorgang, der den Termin gefährdet, und die Auto-Terminierung nennt die Beziehungen, denen Tage fehlen.
  • Gemeinsam genutzte Fachfirma: Ob Medien und Steuerung vom selben Elektrobetrieb kommen, zeigt die Auslastung in der Ressourcenplanung. Entscheiden Sie dort die Reihenfolge und halten Sie sie als Normalfolge zwischen den beiden Vorgängen fest. Ab dann rechnet der Netzplan sie mit, und der kritische Pfad stimmt wieder.

Beinahe kritische Vorgänge finden Sie über die Zahl im Puffer-Feld jedes Knotens. Legen Sie eine Schwelle fest, etwa zwei Tage, und nehmen Sie alle Vorgänge darunter in den Statusbericht auf.

Wie viel Puffer ein Projekt insgesamt braucht, ist eine andere Frage als die, wo er im Netzplan liegt. Dazu passt unser Beitrag Wie viel Puffer braucht Ihr Projekt wirklich?

Häufige Fragen

Wie ermittle ich den kritischen Pfad? Vorgangsliste mit Dauern und Vorgängern aufstellen. Vorwärtsrechnung für FAZ und FEZ, bei mehreren Vorgängern zählt das Maximum. Rückwärtsrechnung vom Projektende für SAZ und SEZ, bei mehreren Nachfolgern zählt das Minimum. Dann den Gesamtpuffer GP = SAZ − FAZ bilden. Die Vorgänge mit dem kleinsten Gesamtpuffer bilden den kritischen Pfad. Ohne vorgegebenen Endtermin ist das ein Puffer von 0.

Was ist der Unterschied zwischen Gesamtpuffer und freiem Puffer? Der Gesamtpuffer sagt, wie weit sich ein Vorgang verschieben darf, ohne das Projektende zu verschieben. Der freie Puffer sagt, wie weit er sich verschieben darf, ohne einen Nachfolger zu verschieben. Im Beispiel hat die Detailplanung 5 Tage Gesamtpuffer und 0 Tage freien Puffer.

Kann ein Projekt mehrere kritische Pfade haben? Ja. Sind zwei Ketten gleich lang, sind beide kritisch. Und der kritische Pfad kann wandern, wenn ein nicht kritischer Vorgang mehr Verzug hat, als sein Puffer hergibt.

Was bedeutet negativer Puffer? Der Plan hält einen vorgegebenen Termin nicht ein. Ein Gesamtpuffer von −2 heißt: Es fehlen zwei Tage, und alle Vorgänge mit diesem Wert müssen zusammen zwei Tage schneller werden.

Heißt es kritischer Pfad oder kritischer Weg? Die DIN 69900 sagt kritischer Weg. „Kritischer Pfad“ ist die Übersetzung von „critical path“ und in Software und Praxis gebräuchlicher. Gemeint ist dasselbe.

Was ist der Unterschied zwischen kritischem Pfad und kritischer Kette? Der kritische Pfad folgt nur aus den Abhängigkeiten und Dauern. Die kritische Kette nach Goldratt berücksichtigt zusätzlich, welche Ressourcen knapp sind, und bündelt die Puffer am Projektende und an den Einmündungen.

Welche Netzplan-Software berechnet den kritischen Pfad? Terminplanungswerkzeuge wie MS Project und Primavera P6 rechnen ihn, ebenso WORKSPACE.PM. Prüfen Sie bei der Auswahl, ob alle vier Anordnungsbeziehungen mit Zeitabstand gerechnet werden und ob feste Termine negativen Puffer zeigen. WORKSPACE.PM kann beides und zeigt das Ergebnis im Gantt und in einer eigenen Netzplanansicht.

Selbst nachrechnen

Legen Sie die zehn Vorgänge aus der Tabelle in der Sandbox an, setzen Sie die Beziehungen und öffnen Sie den Netzplan. Dann verlängern Sie das Fundament auf 14 Tage und sehen zu, wie der kritische Pfad wandert.

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Quellen: DIN 69900:2009-01, Projektmanagement – Netzplantechnik; Beschreibungen und Begriffe (Wortlaut zitiert nach MCE Consult, „Wem gehört der Puffer?“, 2014); projektmagazin.de, Glossar „Kritischer Weg“; PMI Lexicon of Project Management Terms, Version 3.2 (2017) und 5.0 (2026); PMI Practice Standard for Scheduling, 2. Auflage, 2011; projektmanagementhandbuch.de, Formel- und Begriffssammlung IPMA (2017); AACE International, Recommended Practice 49R-06 „Identifying the Critical Path“ und 29R-03 „Forensic Schedule Analysis“ (2011); Society of Construction Law, Delay and Disruption Protocol, 2. Auflage, 2017; OLG Düsseldorf, Urteil vom 20.07.2011, VI-U (Kart) 11/11; Microsoft Support, „Anzeigen des kritischen Pfads Ihres Projekts in Project“; Tensix, „Identifying the Longest Path in Primavera P6“; Eliyahu M. Goldratt, „Critical Chain“, 1997. Online-Quellen abgerufen am 04.10.2026. Rechenbeispiel: eigene Rechnung.

Autor

Benjamin Bolzmann

Geschäftsführer

Wirtschaftsinformatiker (B.Sc.) mit über 20 Jahren Erfahrung in IT-Projektmanagement und Softwareentwicklung. Als Geschäftsführer der AMNAU GmbH entwickelt er Lösungen für strategisches Projektportfoliomanagement in mittelständischen Unternehmen.

Schwerpunktthemen:
ProjektportfoliomanagementStrategisches ProjektmanagementDigitale Transformation